Reine Herrensache

Categories:SherloCON 2018
Nicole Glücklich

von Kaffeehaeusern
ueber den Diogenes Club bis hin
zu den Gentlemen vom Sebastian Club

Jeder viktorianische Gentleman, der etwas auf sich hielt, war Mitglied in mindestens einem Herrenclub, gelegentlich auch in mehreren. Das damalige Who‘sWho gab bereitwillig Auskunft darüber, wer es in welchen Club geschafft hatte, und ließ Rückschlüsse auf die jeweiligen gesellschaftlichen Vorlieben der betreffenden Herren zu.
Die meisten Gentlemen Clubs lagen (und liegen bis heute) im sogenannten Clubland, der Gegend um Pall Mall und den St. James Palast, und entwickelten sich aus Kaffeehäusern. Seitdem in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts das anregende Gebräu Einzug in England gehalten hatte, schossen Coffee Houses wie Pilze aus dem Boden.
Nicht nur das Getränk erfreute sich größter Beliebtheit, sondern auch das gesellige Beisammensein während des Kaffeetrinkens. Man knüpfte Geschäftskontakte, es wurde diskutiert, politisiert, viel geredet und viel zugehört – nicht nur von Politikern oder Literaten, sondern auch von Kurzwarenhändlern und Barbieren.
Und das war dann auch das eigentliche Problem an der Sache – in den unzähligen Coffee Houses waren die besseren Herren der Gesellschaft nicht unter sich, sondern ein jeder hatte Zutritt und durfte seine Meinung kundtun. Selbstredend hatte ein vornehmer Lord nur selten den Wunsch, mit einem einfachen Buchhalter über Tagespolitik zu plauschen.
Die Oberschicht war not amused, deswegen erfand man Zutrittsbeschränkungen. Die ersten Clubs waren geboren. Offiziell, um Gleichgesinnten einen besseren Austausch zu ermöglichen, inoffiziell natürlich, um unter seinesgleichen zu bleiben. Leute des Militärs, des Adels, der Politik, Diplomatie oder Kunst konnten sich von nun an in einem gepflegten Rahmen treffen, ohne dass ein schnöder Gemischtwarenhändler plötzlich anfing, mit ihnen zu reden. Gleiches galt für Intellektuelle, Reisende, Industrielle und dergleichen. Weil der Plebs jetzt draußen blieb und die Clubs ausschließlich für Herren waren, die es sich finanziell leisten konnten, wurden repräsentative Häuser gebaut. Noblesse oblige. Noch heute zeugen opulente Bibliotheken, Smoking Rooms und Speisesäle von der Vornehmheit eines vergangenen Zeitalters – freilich nur für diejenigen Privilegierten, die es in die Clubhäuser hineinschaffen, und sei es nur als Gast eines Mitglieds.
Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war nicht nur der Wechsel von der Kaffeehauskultur zu den elitären Gentlemen’s Clubs vollzogen, sondern jene Herrenclubs florierten geradezu. Anstatt im öffentlich zugänglichen Coffee House zu sitzen oder vielleicht gar daheim bei Frau und Kindern – Gott bewahre! –, verbrachte der viktorianische Gentleman einen überwiegenden Teil seiner Zeit unter Gleichgesinnten im Brook’s, Boodle’s oder Athenaeum. Oder wie Mycroft Holmes in dem von ihm mitbegründeten Diogenes Club.
Arthur Conan Doyle treibt die teilweise verschrobene Herrenclub-Euphorie im Dioge-nes Club mit einem ironischen Augenzwinkern auf die Spitze, indem er seinen Mit-gliedern kategorisch jegliches Sprechen in den Räumen untersagt (außer im Stranger’s Room) und so einen Hort für Sonderlinge und Misanthropen schafft.
Spätere Holmes-Autoren greifen den Diogenes Club gerne auf und machen ihn sogar zu Mycrofts persönlicher Aktionszentrale in seiner Tätigkeit für den Secret Service. In der BBC-Serie Sherlock etwa taucht der Diogenes Club in zwei Episoden auf, »The Reichenbach Fall« und »The Abominable Bride«, immer in engem Zusammenhang mit Mycroft Holmes’ Aktivitäten.
Für einen Autor ist es immer besser, in seinen Werken einen fiktiven Herrenclub zu verwenden, da die meisten der traditionellen Gentlemen’s Clubs nach wie vor bestehen und man niemandem auf den Schlips treten möchte. Die wenigsten nehmen mittlerweile Damen auf oder erlauben Damenbesuch in den Gesellschaftsräumen, viele halten nach wie vor an ihrer rigiden Männerwirtschaft fest.

Auch der Sebastian Club in Sophie Olivers »Die Gentlemen vom Sebastian Club« ist eine Erfindung der Autorin. Hierbei handelt es sich nicht um einen reinen Freizeit-Club, sondern um eine Organisation, die Detektive beschäftigt, welche besonders kniff-lige Fälle lösen, an denen Scotland Yard sich die Zähne ausbeißt. Natürlich haben auch im Sebastian Club Damen keinen Zutritt – Blimey, wo kämen wir hin! –, jedoch hebelt die Protagonistin die Vorschriften einfach aus, indem sie sich als Mann verkleidet.
Ob es in London tatsächlich Clubs gab oder gibt, die neben gepflegtem Nichtstun für die Oberschicht tatsächlich eine geheime Zweitfunktion erfüllten, darüber ist nichts bekannt. Es darf aber spekuliert werden.
Während Mycroft Holmes im Diogenes Club seine Verbindung zum Secret Service in absoluter Geheimhaltung pflegt, gehen die Gentlemen vom Sebastian Club zwar auch diskret vor, aber aufgrund ihrer Ermittlungserfolge spricht sich in London langsam herum, dass es da ein paar schlaue Herren gibt, die Verbrecher zur Strecke bringen.
Immerhin konnte auch Sherlock selbst nicht lange im Verborgenen ermitteln, bevor die Öffentlichkeit von seinen Leistungen Wind bekam.
Bei aller Liebe zum viktorianischen Zeitalter war es Sophie Oliver ein Anliegen, den Ermittlern vom Sebastian Club auch eine weibliche Komponente mit an die Hand zu geben – und zwar nicht nur als episodenweise Kriminelle wie Irene Adler bei Sherlock Holmes, sondern in Gestalt starker weiblicher Figuren wie Freddie Westbrook und Anabel Arnholtz, die sich aktiv an den Ermittlungen beteiligen. Ein weiterer Unter-schied zu Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv und den Gentlemen vom Sebastian Club liegt darin, dass die Herren sich durchaus für das andere Geschlecht interessieren und nicht die gleichgültige Immunität gegen weibliche Reize besitzen wie Sherlock Holmes. Da sind sie doch ein wenig undisziplinierter.
Alles in allem möchten die Gentlemen vom Sebastian Club ohnehin weder mit Sherlock Holmes konkurrieren noch in irgendeiner Form an seine Genialität anschließen, sondern ihren eigenen Platz in der Welt des viktorianischen Krimis finden. Dabei liegt es der Autorin sehr am Herzen, die damalige Zeit möglichst authentisch zu beschreiben, damit der Leser in die Vergangenheit abtauchen und sich von einem längst vergangenen Zeitalter verzaubern lassen kann.

Athenaeum Club

Clubland

Savile Club


Hierbei handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag unseres Anzeigenpartners Dryas Verlag.

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